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3 Wahrheiten über High Fidelity – Teil 2: Du hörst perfekt anders

Dies ist Teil 2 unserer kleinen Trilogie über die elementaren Rahmenbedingungen, die unsere Auffassungen von Wohlklang und dessen Erzeugung bei uns zu Hause mit den Mitteln der Hifi-Technologien bestimmen.

Teil 1: Die Unmöglichkeit perfekter Schallwandler

Teil 2: Du hörst perfekt anders

Teil 3: Du hörst wie Du wohnst

In diesem Artikel vermitteln wir ein paar Einsichten in das Spannungsfeld zwischen akustischer Messtechnik und der menschlichen Sinneserfahrung des Hörens bei der Beurteilung von Lautsprechern. Er richtet sich an alle Musikfreunde und -freundinnen, die als interessierte Laien in Sachen Home-Hifi vom Tech-Geschwurbel der High-End-Nerds abgeschreckt sind, und/ oder den Marketing-Versprechen der Hifi- bzw. Home-Cinema-Branche skeptisch gegenüber stehen. Am Ende dieser Lektüre solltet Ihr ein gestärktes Bewusstsein darüber erlangen können, Euch bei der Beurteilung von gutem Klang auf Eure eigenen Ohren und Empfindungen zu verlassen statt auf die Einflüsterungen buchstäblich Außenstehender. Außerdem spicken wir den Text mit Links und Hinweisen auf vertiefende Quellen.

Die elementaren Messeinheiten des Hörens

Wir widmen den ersten Abschnitt unserer kleinen Abhandlung einigen grundsätzlichen Eigenheiten bei der technischen Vermessung akustischer Phänomene, um auf deren Grenzen hinsichtlich der physikalischen Exaktheit ihrer Ergebnisse hinzuweisen, und Euch damit auf die Einordnung von objektiven Messdaten in den Zusammenhang mit der subjektiven Klangbeurteilung einzustimmen.

Mit dem Begriff „Schall“ bezeichnet man die räumliche Übertragung einer Schwingung in einem Medium, üblicherweise Luft. Genau genommen handelt es sich bei dieser Schwingung um eine abwechselnde lokale Duckerhöhung bzw. -senkung, die durch eine entsprechende Energiequelle ausgelöst werden muss – in unserem Kontext ist das unser Lautsprecher – und die sich von dort „Luftmolekül für Luftmolekül“ dreidimensional in die Umgebung ausbreitet. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit einer lokalen Druckänderung in demselben Medium ist die Schallgeschwindigkeit. In Luft beträgt diese ca. 343 m/s, wobei der genaue Wert mit den lokalen klimatischen Bedingungen in unseren Breitengraden um +/- 2% variiert. Die Schallgeschwindigkeit ist eine Stoffeigenschaft. Im reinen Medium Wasser beträgt sie z.B. ca. 1.480 m/s.

Je kürzer der Zyklus einer Schwingung, d.h. je kürzer die Wellenlänge, desto höher ist der Ton, den wir wahrnehmen, namentlich seine Frequenz. Die Frequenz ergibt sich, indem man die Schallgeschwindigkeit durch die Wellenlänge dividiert, als Anzahl der Schwingungen pro Sekunde – „Hertz“ (Hz). Eine Frequenz von 100 Hz ergibt sich in der Luft bei einer Wellenlänge von ca. 3,43 m, unter Wasser bei einer Wellenlänge von ca. 14,8 m. Der Frequenz von 1.000 Hz entsprechen demnach Wellenlängen von ca. 34,3 cm bzw. 1,48 m.

Wie laut wir Schall wahrnehmen, wird durch die Energie bestimmt, die in einer Welle steckt, wenn sie unser Ohr erreicht. Bei gegebener Frequenz benötigen wir zur Ermittlung die Information über die Amplitude der Welle, d.h. den Unterschied zwischen dem Druckmaximum und -minimum in der Schwingung. In den theoretischen und zunehmend auch angewandten Wissenschaften der allgemeinen Fluiddynamik sind wir nun bei außerordentlich komplexen mathematischen Gleichungssystemen. Zur praktischen Handhabung  hat sich die Akustik als eigenständiges Arbeitsfeld mit spezifischen Herangehensweisen an die Energiebilanzierung des Schalls unter dem Begriff „Lautstärke“ entwickelt. Die Quantifizierung der Lautstärke erfolgt zumeist in Einheiten vom Typ „Dezibel“ („dB“) mit der Eigenschaft, dass gleich mehrere Bestandteile des „Energieinhaltes“ einer Schwingung integriert und vereinfacht für technisch-praktische Überlegungen ausgedrückt werden. Wir überspringen die verschiedenen Dezibel-Varianten und nehmen uns zur weiteren Betrachtung die häufigste Variante zur Lautstärkebeurteilung vor, die Schalldruckmessung in „dB SPL“:

SPL steht für „Sound Pressure Level“. Gemessen wird mit dem Mikrofon, und zwar die dynamische Schwankung im Luftdruck, daraus ergeben sich Amplitude und Frequenz, und damit wird ein (quadratischer) Mittelwert über die Schwingungsperiode für die Druckabweichung im Vergleich zum statischen Umgebungsdruck errechnet.

Die Druckschwankungen des hörbaren Schalls liegen zwischen „sehr leise“ und „sehr laut“ bei 2×10-5 – 20 Pascal und sind damit im Vergleich zum statischen Atmosphärendruck von 0,93×105 – 1,04×105 Pascal sehr klein. Deswegen wurde stattdessen eine fixer Wert für einen „Referenz-Schalldruck“ als Bezugsgröße eingeführt: 20µPa. Dieser Wert ist festgelegt worden nach der Erkenntnis, dass ungefähr bei dieser mittleren Druckabweichung vom Atmosphärendruck die Hörschwelle eines „gesunden“ Menschen zur Wahrnehmung eines Sinustons von 1 kHz liegt.

Das Verhältnis der für den Menschen „erträglichen“ Maximallautstärke zur Hörschwelle umfasst gleichwohl – gemessen in Druckeinheiten – etwa 6 Zehnerpotenzen, was sich mathematisch-technisch unhandlich gestaltet. Mit der Anwendung eines Logarithmus auf das Verhältnis von gemessenem Druck zum Referenzdruck gelangen wir nun endlich zu unserer Einheit „dB SPL“. Damit werden grafische Auswertungen von „lauter“ vs. „leiser“ nicht nur deutlich leichter lesbar, auch die Bezüge zu technischen und physiologischen Aspekten von Schallerzeugung und -wahrnehmung lassen sich mathematisch und grafisch leichter ausdrücken, z.B zur Spezifikation von Verstärkerleistungen oder im Akustikbau.

Zwar handelt es sich bei dem Schalldruck also um eine objektive Messgröße, doch können technisch gleiche Messungen an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten durch Schwankungen von atmosphärischen Bedingungen offensichtlich leicht unterschiedliche Ergebnisse ergeben – praktisch liegen diese Abweichungen bei maximal +/- 0,5 dB SPL. So haben die Umgebungsbedingungen übrigens noch einen weiteren, wenn auch im Vergleich zu den anderen hier thematisierten Phänomenen vernachlässigbaren Einfluss auf die Messung des Schalldrucks, und zwar im Verlauf über die Frequenzen. Mit zunehmender Luftfeuchtigkeit (oberhalb von etwa 20%) fällt die Dämpfung, also der Energieverlust der Schwingung durch Dissipation, für hohe Frequenzen schneller ab als für niedrige. Bei schwülem Wetter hören wir also höhere Frequenzen in demselben Klangspektrum relativ (ein wenig) lauter als in trockener Luft.

Psychoakustik

Die Psychoakustik ist das Wissenschaftsgebiet, dass sich mit unserem Hören als Sinneserfahrung befasst. Das Feld ist – im Vergleich zu den üblichen Fragestellungen in der technischen Signalkette von einer Musikaufnahme bis zu den Lautsprechern der Wiedergabe – ungleich komplexer und weit weniger geklärt hinsichtlich Ursache und Wirkung. Alleine die Physiologie von der Schallaufnahme am Trommelfell im Ohr bis zur Identifikation und Interpretation der Schallquelle in unserem Gehirn, z.B. nach Art, Entfernung, Umgebung etc., ist längst nicht vollständig verstanden, geschweige denn normiert. Vielmehr basieren viele Erkenntnisse aus der Psychoakustik, die als Grundlage für die Anforderungen an die technischen Parameter von Ausrüstungen für die Schallerzeugung und -wiedergabe herangezogen werden – teils sogar als Inhalt von technischen Normen – auf empirischen Daten aus aufwändigen Versuchsreihen mit Testpersonen, vergleichbar mit klinischen Studien (*). Man darf insofern davon ausgehen, dass durch die psyochakustischen Phänomene von Individuum zu Individuum unterschiedliche Wahrnehmungen von Schall entstehen, und die meisten Individuen voneinander und von der technischen Norm abeichende Wahrnehmungen über dasselbe Schallereignis haben.

Wir wollen uns hier nur wenige, für das Thema „Wohlklang“ in Home-HiFi exemplarische Studienfelder herauspicken und zeigen, warum Ihr Euch von niemandem belehren lassen müsst, was guter Klang ist.

Isophone

Unser Gehör ist auf die Erfassung von Frequenzen zwischen etwa 20 und 20.000 Hz eingestellt. Die genauen Grenzen dieser bewussten Wahrnehmung variieren von Mensch zu Mensch, im Laufe des Lebens und sogar im Laufe eines Lebenstages. Zudem ist unsere Empfindlichkeit für die Wahrnehmung der Töne über das o.g. Frequenzband sehr unterschiedlich.

Die bekanntesten Untersuchungen zur frequenzabhängigen Lautheitswahrnehmung gehen auf die Arbeiten von Fletcher und Munson aus den 1930er Jahren zurück und wurden später unter anderem von Robinson und Dadson sowie in der heutigen Norm ISO 226 weiterentwickelt. Sie stellen die objektive Größe des Schalldrucks in den Kontext des subjektiven Empfindens der Lautheit, das sich mit der Frequenz des jeweiligen Tones verändert. Aus dieser Vermessung des Hörempfindens sind die Isophonen entstanden – nichtlineare Kurven gleich laut empfundenen Schalldrucks über den hörbaren Frequenzbereich, die nach vielen Weiterentwicklungen Eingang in verschiedene Normen gefunden haben und z.B. für die Analyse von Hörgesundheit und Lärmempfindungen oder für lautstärkeabhängige Korrekturen in Übertragungsfunktionen von Audioverstärkern.

Das Interessanteste an dieser Arbeit und vielen weiteren ähnlichen sind unseres Erachtens – unter dem Aspekt des Strebens nach „perfekter“ Musikreproduktion in High Fidelity – drei Erkenntnisse:

Die Isophone sind von Mensch zu Mensch mehr oder weniger verschieden, sowohl dem frequenzabhängigen Verlauf in derselben Lautheit nach, als auch hinsichtlich der Unterschiede im allgemeinen Lautstärke-Empfinden. Unterschiede zu Norm-Isophonen liegen bei den individuellen Probanden ohne weiteres bei +/- 5 dB SPL über den sogenannten Präsenzbereich (*). Darunter verstehen wir in Sachen Musik Frequenzen zumeist zwischen etwa zwischen 200 und 4.000 Hz, für die wir besonders empfindsam sind, und die in der Musik den prägendsten Bereich zur Unterscheidung bzw. Inszenierung von Klängen darstellt. Noch größer werden die „normalen“ Abweichungen von der Norm im Bass- und Hochtonbereich – in den Frequenzbereichen also, in denen sich die für das gewisse „Extra“ im Musikhören zuständigen Elemente einer Musikproduktion tummeln. Eine theoretisch perfekte Musikreproduktion kann demnach zumindest bei einem von zwei Hörprobanden nicht perfekt ankommen.

Daraus ergibt sich auch, dass das Ergebnis des Hörempfindens zu Hause nicht dasselbe sein kann wie das des Toningenieurs im Studio beim Mastering derselben Aufnahme.

Durch die Unterschiede der Isophone von Mensch zu Mensch gibt es keine absolute Grundlage dafür, unseren persönlichen Begriff von Wohlklang normativ zu definieren bzw. definieren zu lassen.

Just Noticeable Difference (JND)

Wie dem Begriff bereits zu entnehmen, geht es um die Sensitivität des menschlichen Gehörs hinsichtlich der Wahrnehmungsschwelle von Unterschieden zwischen Tönen, z.B. hinsichtlich Lautstärke/ Schalldruck oder Tonhöhe/ Frequenz, aber auch hinsichtlich Verzerrungsanteilen oder anderen Klangmodulationen (*).

Unsere JND hinsichtlich Frequenzänderungen im Präsenzbereich – zwischen 200 und 4.000 Hz – liegt bei weniger als 1%, mit etwas Übung bei 0,1%. Eine Veränderung von 1.000 Hz um weniger als 10 Hz ist also buchstäblich bemerkbar und erklärt z.B. unsere hohe Empfindlichkeit hinsichtlich der „richtigen“ Stimmung von Musikinstrumenten, aber auch hinsichtlich der sogenannten Doppler-Modulation bei breitbandigen Lautsprechertreibern, bei denen der Tiefbassbereich nicht separiert ist. Die Überlagerung aller Schwingungen derselben Lautsprechermembran, z.B. 50 Hz und 1.000 Hz, führt dazu, dass letztere durch den zusätzlichen „Anschub“ der ersteren um bis +/- 5 Hz verändert wahrgenommen wird. Dieser Einzeleffekt ist beim Musikhören natürlich kaum mit dem Gehör analytisch identifizierbar, aber das Gefühl für den „richtigen“ Klang eines live gespielten Musikinstruments oder einer bekannten Stimme habt Ihr für die entsprechend authentische Wiedergabe in Hifi genauso wie bei einer Live-Darbietung.

Die JND für Lautstärkeunterschiede ist hauptsächlich für den direkten Vergleich von Lautsprechern bzw. zum „Lesen“ von Frequenzgang-Diagrammen von Interesse. Sie ist selbst frequenzabhängig und liegt im Präsenzbereich bei unter 1 dB SPL, im Bass- und Hochtonbereich 3 dB SPL und mehr. Nach unserer Erfahrung sind Abweichungen vom idealen „linealglatten“ SPL-Frequenzgang eines Lautsprechers in gewissen Grenzen weniger relevant, als es in einschlägigen Diskussionen oft vermittelt wird – siehe Abschnitt „Isophone“. Allerdings sollte der Präsenzbereich keine augeprägten Spitzen bzw. sprunghaften Lautstärkeänderungen im Verlauf aufweisen. Vielmehr lohnt es sich, etwas kritischer auf die typische „Loudness-Wanne“ zu achten, die sich bei vielen Lautsprechern über den Präsenzbereich erstreckt, je nach Diagramm-Maßstab auf den ersten Blick durchaus unauffällig. Diese Lautsprecherabstimmung ist „Mainstream“ im Markt. Sie wird oft spontan als angenehm – wir würden sagen „verdächtig“ – empfunden, unserer Meinung nach zu vergleichen zu viel Zucker in Lebensmitteln. Denn schon die Absenkung des Präsenzbereiches um 1 dB SPL gegenüber Bass- und Hochtonbereich führt zu einem relevanten Verlust der Wahrnehmung des spezifischen Klangreichtums in einer Musikaufnahme zu Gunsten eines dann quasi „vereinheitlichten“, reduzierten Spektrums. Natürlich werden dadurch auch relevante Schwächen des Lautsprechers – oder der jeweiligen Aufnahme – kaschiert, z.B. bei der Impulstreue und Verzerrungsfreiheit.

Laufzeitdifferenzen

Ein offensichtlicher Aspekt der JND in High Fidelity sind zeitliche Unterschiede zwischen den einzelnen Kanälen einer Mehrkanalwiedergabe.

Unser Gehörsinn identifiziert die Position einer Schallquelle primär durch die Auswertung der unterschiedlichen Laufzeiten der Übertragung an das linke bzw. rechte Ohr (Interaural Time Difference, ITD). Dabei beträgt die maximale Laufzeitdifferenz für eine Schallquelle – quasi genau seitlich von Dir – ca. 0,6 Millisekunden bzw. 20 cm (*).

Nun besteht beim Stereo-Hören über Lautsprecher wie auch über Kopfhörer das Vergnügen zu einem großen Teil aus der scheinbar dreidimensionalen Abbildung des Musikereignisses, gebildet aus den sogenannten Phantomschallquellen, die während der Aufnahme durch die entsprechende Mikrofon- und Abmischtechnik über mehrere Kanäle eingerichtet wurden. Hat der Toningenieur eine Stimme oder ein Musikinstrument genau in der Mitte einer Stereobühne platziert, reichen unserem Gehör bei der Wiedergabe zu Hause schon wenige Zentimeter Abweichung von der Mittelachse zwischen den Lautsprechern, um einen anderen Eindruck von der Position der Phantomschallquelle zu bekommen.

Trotzdem besteht der Spaß am Musikhören wohl nicht ausschließlich darin, wie festgetackert zwischen seinen Lautsprechertürmen sitzen zu müssen. Tatsächlich hat unsere enorme Sensitivität für Laufzeitdifferenzen viel weitreichendere Konsequenzen für die Empfindung von Wohl- oder Missklängen aus unserer Hifi-Anlage über die Abbildung einer stabilen Bühne zwischen den Kanälen hinaus. Wesentlich relevanter sind dabei Laufzeitdifferenzen, die sich im technischen Übertragungsweg von der Quelle bis in den Hörraum in das Musiksignal einschleichen und die zeitliche Integrität des originalen Klang-/ Frequenzspektrums korrumpieren. Auch hier sind insbesondere die Lautsprecher ein Faktor: Unterschiede im Zeitverhalten von Hochpass und Tiefpass in Mehrwege-Lautsprechern, fertigungs- oder konstruktionsbedingte Abweichungen in der Dynamik von Multi-Chassis-Lautsprechern – hier besonders bei den beliebten Säulenlautsprechern mit 2 und mehr kleinen, langhubigen Tief-Mitteltontreibern, frequenzabhängige Abstrahlveränderungen durch Hornvorsätze, Phase Plugs, Waveguides etc., Verwindungen/ Verkantungen/ Partialschwingungen der Lautsprechermembran.

Die hörbaren Effekte solcher Fehler sind subjektiv außerordentlich leicht im direkten Vergleich von verschiedenen Lautsprechern bzw. fehlerfreien und fehlerbehafteten Exemplaren derselben Modelle festzustellen, auch für ungeübte Hörer. Dabei muss es sich nicht um die unüberhörbaren Verzerrungen handeln, die wir von im Partyrausch zerstörten Lautsprechern kennen. Es geht vielmehr um die Wahrnehmung der vielen Details in einem Klangspektrum, z.B. dem einer akustischen Gitarre, neben der räumlichen Verortung bei der Stereo- bzw. Mehrkanal-Wiedergabe. Ohne den direkten Vergleich bleiben die o.g. Unzulänglichkeiten zunächst oft im Subtilen, was aus unserer Fähigkeit resultiert, unsere Wahrnehmung unbewusst an unsere Erwartung bzw. Erfahrung anzupassen. Erst im Laufe der Zeit wird sich bei entsprechender Achtsamkeit das entsprechende Störgefühl einstellen – oder natürlich Gewöhnung.

Leider sind solche Qualitätsmerkmale aus den einschlägigen technischen Datenblättern der Lautsprecherhersteller bzw. -händler nicht abzulesen. Wir verweisen noch einmal auf das Phänomen der Loudness-Wanne in manchen SPL-Frequenzgängen, die auch ein Hinweis auf die Kaschierung von Schwächen im Zeitverhalten im Präsenzbereich sein kann, aber nicht muss.

Fehlende Grundtöne

Nun kommen wir noch zu dem „Geheimnis“ der erstaunlichen Basswiedergabe mancher Kleinstlautsprecher oder Boomboxen und im Auto-Hifi. Hier machen sich die Entwickler das Phänomen zu Nutze, dass wir Hörer in der Lage sind, real fehlende Bestandteile im Spektrum eines Klanges im Kopf zu rekonstruieren und damit den Originalklang zu „vermuten“ (*). Das bedeutet, dass wir den Ton A1 einer Orgelpfeife möglicherweise identifizieren, obwohl unsere Ausrüstung den Grundton von 55 Hz elektroakustisch gar nicht reproduzieren kann oder gegen die Außengeräusche gar nicht ankommt. Dies gelingt uns, da der für das Musikinstrument charakteristische Klang aus der spezifischen Kombination von Obertönen, primär die ganzzahligen Vielfachen des Grundtons – den „Harmonischen“, gebildet wird, die sich überwiegend auch im Präsenzbereich unseres Gehörs befinden, in dem wir – vgl. Isophone – deutlich differenzierter hören als im eigentlichen Grundtonbereich vieler Musikinstrumente und Stimmen.

Diese psychoakustische Rekonstruktion bzw. Korrektur kann natürlich nicht jede Lücke zum Original schließen, und erfordert außerdem mentale Energie. Deswegen ist das dauerhafte (Zu-)Hören in dieser Form auch ermüdend. Andererseits sind die digitalen Technologien zur „intelligenten“ Modifikation des originalen Musiksignals unaufhaltsam – Stichwort „Noise Cancelling“. So wird für die eingangs erwähnten Geräte das originale Musiksignal entsprechend aufbereitet, z.B. durch Kompressionsverfahren oder auch gezielte Verstärkung der Obertonanteile abgeleitet aus dem Tieftonspektrum, das der Lautsprecher nicht adäquat reproduzieren kann.

So charmant diese Technologien gerade auch als Angebot für kompakte wohnraumtaugliche Installationen sind, gilt auch hier, dass eine erhebliche Kluft zur authentischen Reproduktion des Originals verbleibt, die jeder auch ungeübte Hörer auf Grund unserer psychoakustischen Prägung im direkten Vergleich sofort erkennt.

Wohlklang – genau Dein Ding

Nachdem wir uns nun über so viele Unzulänglichkeiten in der Vermessung unseres Hörens ausgelassen haben, stellt sich die Frage nach den vernünftigen Kriterien zur subjektiven Beurteilung des guten Klangs und entsprechender Ausrüstungen für High Fidelity zu Hause.

Unser wichtigstes Anliegen ist es, dass Ihr Euch freimacht von der häufig geäußerten Selbsteinschätzung „Ich habe da nicht so das Gehör für…“. Euer Hören ist die abschließende Instanz aller Messungen, unabhängig von der Konformität mit dem statistischen Standard. Siehe oben. Danach solltet Ihr Euch zu Euren musikalischen Vorlieben bekennen, auch wenn es sich nicht um extravaganten Free Jazz oder ein bestimmtes klassisches Werk in 20 verschiedenen Aufnahmen handelt. Auch deutsche Schlagerproduktionen können sehr gut klingen oder nicht.

Als nächstes benötigt Ihr Eure eigene „Playlist“: 5, zur Abwechslung maximal 10 Musikstücke, eher kurze, die Ihr schon lange kennt, oft hört oder früher gehört habt, die Ihr zu kennen glaubt. Diese Stücke müssen keinesfalls audiophile oder moderne Aufnahmen sein – im Gegenteil: Unvollkommenheiten in den Musikaufnahmen liefern hervorragende Unterscheidungsmerkmale beim Vergleich verschiedener Hifi-Ausrüstungen.

Mit dieser Playlist begebt Ihr Euch auf „Entdeckungsreise“ bei Freunden, Bekannten, Händlern, Lieferanten. Beginnt damit, ein Ranking zu erstellen, in das Ihr sukzessive Eure Eindrücke aus der jeweiligen Testsituation einsortiert, und dass Euch als Erinnerungshilfe über einen längeren Zeitraum dient. Unser Tip: Achtet beim Zuhören vor allem auf den Tief-Mitteltonbereich: Bariton- und Altstimmen, Saxofon, Cello und entsprechende Lagen anderer akustischen Instrumente, Membranophone (fellbespanntes Schlagzeug), E-Gitarren mit typischen Grunge-Riffs u.ä.. Hier könnt Ihr am schnellsten auch ungeübt die Unterschiede zwischen einer impulsfreudigen, nuancierten, gleichzeitig voluminösen, räumlich erkennbaren Darstellung und der bei mittelklassigen bzw. „auto-hifi-typischen“ vorherrschenden komprimierten, gleichmacherischen Klangfärbung erkennen. Dagegen sind die ersten Eindrücke in den drei untersten bzw. obersten Oktaven (< 150 Hz/ > 3 kHz) in dieser Hinsicht nach unserer Erfahrung oft trügerisch, obwohl – oder gerade weil – diese Bereiche natürlich für die verführerischen Extras im Hörvergnügen zuständig sind. Das liegt unseres Erachtens daran, dass vorhandene Raumaukustik, Geräteeinstellungen und die momentane Befindlichkeit oft zu spontan empfundenen großen Abweichungen von den persönlichen Präferenzen/ Gewohnheiten des Probanden führen, die sich aber durch objektiv wenige technische Anpassungen im Setup meist leicht anpassen lassen würden. Zudem ist die Prognose bzw. die Übertragung des ersten Höreindrucks hinsichtlich „Tiefbass“ bzw. „Brillanz“ in Eure eigenen Hörumgebung, mit Eurem eigenen Setup, auch hinsichtlich der Entwicklung Eurer Präferenzen im Laufe der Zeit, nicht so verlässlich wie Eure Erkenntnis über die Authentizität der „tragenden“ Klangelemente im Präsenzbereich des menschlichen Hörens.

Der Wert objektiver Daten

…wäre enorm, wenn es genug glaubwürdige bzw. differenzierte gäbe. Leider finden wir in den üblichen technischen Daten aus den Katalogen der Geräteanbieter kaum einen Parameter, der nicht scheinbar gleichermaßen „gut aussieht“ bei Geräten völlig unterschiedlicher Qualität. Dazu gehören neben Leistungsangaben auch Frequenzgänge und vermeintlich standardisierte Angaben zu Verzerrungsanteilen. Soweit es den Bereich der Lautsprecher und Lautsprechertreiber angeht, widmen wir dem Thema einen eigenen Teil unserer kleinen Trilogie über Wahrheiten in High Fidelity.

Für die anderen Komponenten typischer Hifi-Ketten, Verstärker und Quellgeräte, ist der Markt übersättigt mit digitalen bzw. Class-D-Technologien und Fabrikaten, renommierte ehemals europäische Marken ebenso wie nie gehörte vermeintliche „Eintagsfliegen“, überwiegend aus Fernost (zumindest im Kern) und häufig auch von brauchbarer, sich rasant weiter entwickelnder Qualität. Da die Herstellerangaben hinsichtlich der technischen Daten zur Identifikation der Qualitätsunterschiede beim Hören bzw. im täglichen Gebrauch kaum zu gebrauchen sind, bleibt uns nur die Empfehlung des Ausprobierens – nach der vernunftbegabten Beurteilung des ersten Eindrucks: Mechanische Verarbeitung, idealerweise inklusive Blick in das Geräteinnere. Gerade bei digitalen Geräten können wir aus eigener Erfahrung nicht genug die Wertigkeit der verbauten Spannungsversorgung und -wandlung betonen, die (indikativ) im Preis- und Raumanteil den der verbauten Chip- und Displaytechnologie deutlich übersteigen sollte.

Wir gehen davon aus, dass die Verfechter analoger Hifi-Technologie unter den Lesern dieses Artikels bereits emanzipiert genug sind, um auf unsere eher grundsätzlichen Hinweise zur Beurteilung von wertigem Equipment verzichten zu können. Womit wir übrigens keineswegs eine Präferenz gegenüber digitaler Audiotechnologie zum Ausdruck bringen wollen.

Zusammenfassung

Kein Gehör ist zu schlecht, um gute von mittelmäßiger Klangwiedergabe unterscheiden zu können. Die psychoakustischen Grundlagen deuten nach unseren Erfahrungen bei 3be audio klar auf die individuelle Sensitivität hinsichtlich der Integrität im Zeitverhalten des übertragenen Klangspektrums als führendes Qualitätskriterium hin. Stimmt es hier, stimmen vermutlich auch viele andere Voraussetzungen für ein dauerhaftes Hörvergnügen. Typische technische Daten in den Verkaufsunterlagen der Gerätehersteller bieten hierzu jedoch leider keine hinreichende Vorabinformation, so dass wir als Einkaufsstrategie zum direkten und selbstbewussten Hörvergleich raten.

(*) Wissenschaftliche Quellen und Referenzen

B. Moore: „An Introduction to the Psychology of Hearing“

H. Fastl, E. Zwicker: „Psychacoustics – Facts and Models“

B. Gabriel, B. Kollmeier, V. Mellert: „Influence of Individual Listener, Measurement Room and Choice of Test-Tone Levels on the Shape of Equal-Loudness Level Contours“

J. Blauert: „Spatial Hearing: The Psychophysics of Human Sound Localization“

R. Warren: „Perceptual Restoration of Missing Speech Sounds“

Diagramme und Schaubilder erstellt mit KI-Unterstützung

Bernd Marsch

Bernd is the founder of 3be audio. He is a graduate engineer in system dynamics and control with a long time career in process engineering. Music has always been his passion, and now he is in the fortunate position to pump up the volume with professional excuse.

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