Dies ist Teil 3 unserer kleinen Trilogie über die elementaren Rahmenbedingungen, die unsere Auffassungen von Wohlklang und dessen Erzeugung bei uns zu Hause mit den Mitteln der Hifi-Technologien bestimmen.
Teil 1: Die Unmöglichkeit perfekter Schallwandler
Teil 2: Du hörst perfekt anders
Teil 3: Du hörst wie Du wohnst
Dieser Artikel gibt einen verständlichen Überblick über verschiedene Einflüsse auf Wohlklang in lebenswerten Räumlichkeiten. Er richtet sich an alle Musikfreunde und -freundinnen, die als interessierte Laien in Sachen Home-Hifi vom Tech-Geschwurbel der High-End-Nerds abgeschreckt sind, und/ oder den Marketing-Versprechen der Hifi- bzw. Home-Cinema-Branche skeptisch gegenüber stehen. Da die Physik der Schallübertragung vor allem in ihrer beschreibenden Mathematik sehr komplex ist, halten wir uns möglichst eng an die Sinneserfahrung des Hörens selbst und ordnen relevante Fachbegriffe für Euch so ein, dass Ihr die für den Spaß am Musikhören wichtigen von den unwichtigen unterscheiden könnt. Außerdem spicken wir den Text mit Links und Hinweisen auf vertiefende Quellen.
Der Unterschied zwischen der Klangwiedergabe über Kopfhörer und über Lautsprecher
Wenn wir Musik über Kopfhörer hören, bildet sich das Klangereignis praktisch ausschließlich über den Direktschall, der zwischen Lautsprechermembran und Trommelfell nur wenige cm bis mm zu überbrücken hat. Die dazu notwendige Antriebsenergie beträgt nur etwa 0,0003% der Energie, die ein Lautsprecherpaar zur Erzeugung derselben Lautstärkewahrnemung im Abstand von je 3m zu den Ohren benötigen würde. Im Unterschied zum „reinen“ Hören über Kopfhörer trifft uns der Schall der Lautsprecher jedoch nicht nur im Trommelfell, sondern am ganzen Körper, was dem menschlichen Empfinden eines natürlichen Klangereignisses deutlich näher kommt. Das betrifft insbesondere tiefe Frequenzen, die unseren Körper bzw. einzelne Körperregionen buchstäblich spürbar anregen.
An diesem Punkt wollen wir nicht die Diskussion der Bevorzugung von Kopfhörer- oder Lautsprecherwiedergabe führen, sondern die Gedanken zur Klangwiedergabe über (sehr gute) Lautsprecher weiter verfolgen, wobei wir uns in die Wirklichkeit lebenswerter Räumlichkeiten begeben.
Wie sich räumliche Gegebenheiten auf das Ergebnis der Schallübertragung aus Lautsprechern auswirken
Was gibt es schöneres, als sich im eigenen zu Hause von Wohlklang umgeben zu lassen? Billige Suggestivfrage natürlich. Wir stellen sie an dieser Stelle aus dramaturgischen Gründen voran, da wir im folgenden scheinbar nur noch von den Mühen dieses Unterfangens berichten werden.
Und gleich zu Beginn sei es betont: „Gute“ Hörräume können aus schlechten Hifi-Anlagen keine guten machen, aber „schlechte“ Hörräume werden die besten Hifi-Anlagen zur Karikatur verkommen lassen.
Bevor wir uns zur Unterscheidung der wichtigsten Einflussfaktoren auf den Klang in unseren Wohnzimmern aufmachen, wollen wir zur Verdeutlichung der Relevanz ein einfaches Beispiel aus unseren eigenen Räumlichkeiten geben, in denen wir bei 3BE quasi täglich die Alltagstauglichkeit unserer Lautsprecherschöpfungen (hör-)testen: Vier Lautstärke-Frequenzgänge derselben Lautsprecherbox, aufgenommen an vier unterschiedlichen Positionen im Raum ohne besondere Vorkehrungen zur Einrichtung der Messungen. Wir sehen die zunehmend spektakulären Lautstärkeunterschiede innerhalb geringster Veränderungen der Tonlagen mit zunehmendem Messabstand vom Lautsprecher, aber auch Diskrepanzen bei der Erhöhung bzw. Absenkung in größeren Frequenzbereichen, z.B. im Vergleich der Messpositionen am Hörplatz und 1 Meter vor der Box.

Sieht ziemlich gruselig aus, wenn man die schönen „glatten“ Labor-Frequenzgänge aus den Katalogen der Hifi-Anbieter im Kopf hat, oder? Zur Beruhigung können wir versichern, dass das Musikhören auch in unseren offensichtlich ziemlich unvollkommenen Räumlichkeiten immer wieder eine große Freude ist. Der Raum gehört zum Klang.
Wenn es klirrt und scheppert
Derselbe Schall, der uns und unsere Ohren anregt, regt auch alle anderen Gegenstände in unserem Hörraum an, einschließlich Bodenbeläge, Fenster, Türen usw.. Jedes physische Objekt wird schwingen, wenn es entsprechend angeregt wird, und zwar sowohl als „Ganzes“ – wie eine Schaukel oder die Membran eines Lautsprechers – als auch „in sich“ wie der Leuchtdraht einer Glühbirne oder eben auch die Membran eines Lautsprechers („Körperschall“). Die Anregung kann durch einen einzelnen Stoß erfolgen oder durch regelmäßig wiederkehrende „Schubser“, wie sie die Schallwellen unserer Lautsprecher verursachen. Jedes schwingende Objekt ist seinerseits wieder eine Schall- bzw. Vibrationsquelle, insbesondere für lose verbundene weitere Gegenstände – das Klirren von Geschirr im Schrank habt Ihr gewiss auch schon kennengelernt. Zumeist verfügen die Materialien der Objekte um uns herum über eine hinreichende Masse/ Trägheit und innere Dämpfung, d.h., die Energie, die Schwingung auslöst, wird im Objekt sehr schnell absorbiert in Form von Wärme. Ist das nicht der Fall, wie zum Beispiel bei der dünnen Rückwand eines handelsüblichen Schrankes, kann das Objekt bei Anregung mit einer oder mehrerer für genau dieses Objekt typischen Resonanzfrequenz(en) so stark in Schwingung versetzt werden, dass wir es hörbar wahrnehmen – vielleicht auch nur indirekt wie am Beispiel der mechanischen Übertragung von der Schrank-Rückwand auf den Tragboden im Schrank und das darauf stehende Geschirr.

Resonierende Objekte im Raum identifiziert man am besten über die Lautsprecher mittels reiner Sinustöne im Bereich 200 Hz und darunter. Dabei sollte man sich von „unten nach oben“ vorarbeiten, und tatsächlich „Hz für Hz“, da der Resonanzbereich eines Objektes wie z.B. einer Tischplatte sehr eng eingegrenzt sein kann, und dann bei ganzzahligen Vielfachen der tiefsten Resonanzfrequenz (abgeschwächt) erneut auftritt. Praktische Möglichkeiten zur Unterbindung der Störung liegen nicht notwendigerweise in der Verbannung des primär auslösenden Objektes – man stelle sich den Holzfußboden in einem Altbau vor -, sondern in der Überprüfung und Dämmung/ Entkopplung der Übetragungswege zu dem oder den Objekten, die tatsächlich „klappern“ – siehe „Geschirr im Schrank“.
Wenn es dröhnt
Nun geht es um den Begriff der „Raummoden“. Raummoden führen zu einer stark unterschiedlichen Wahrnehmung verschiedener, zumeist tiefer und energiereicher Frequenzen in Abhängigkeit der Position des Hörers im Raum, sowohl hinsichtlich der Lautstärke als auch hinsichtlich der Impulstreue.
Wohnräume sind im wesentlichen quaderförmige „Behältnisse“ mit Wänden, an denen der auftreffende Schall aus unseren Lautsprechern, d.h. die Bewegungsenergie der Luftmoleküle im Raum, mehr oder weniger stark durchgelassen/ weitergeleitet, absorbiert oder in den Raum zurückgeworfen wird. Der Raum ist ein Resonanzvolumen mit drei ausgeprägten Dimensionen: Länge, Breite, Höhe. Hat der Raum eine Deckenhöhe von 2,5m, dann werden Schallwellen von etwa 5m Länge – also etwa 65-70Hz an Decke und Boden so zurückgeworfen, dass sich die Wellenbäuche und -täler auf denselben Koordinaten im Raum „begegnen“. Je nach Höhe, auf der sich unser Ohr nun befindet, nehmen wir eine enorme Verstärkung dieser Frequenz wahr (Decke/ Boden). Das gilt in zunehmend abgeschwächter Form auch für die ganzzahligen Vielfachen dieser Frequenzen. Befindet sich unser Hörplatz unmittelbar an einer Wand gegenüber der Lautsprecheraufstellung, dürften uns also die entsprechenden Raummoden besonders auffallen. Das Phänomen der „stehenden Wellen“ ist dreidimensional – deswegen ist der Klang besonders in Raumecken durch Überlagerungen oft unerträglich dröhnend. Im Raum verteilt ergeben sich dadurch punktuell weitere Lautstärkeüberhöhungen, aber auch „Auslöschungen“. Alles, was die Wege der Schallwellen zwischen den Wänden unterbricht, und alle Abweichungen in der Raumgeometrie von regelmäßigen geometrischen Formen helfen, die Raummoden weniger spezifisch zu gestalten, so dass sich ihr Einfluss über den Frequenzbereich vergleichmäßigt und frequenzspezifisch verringert. In diesem Sinne ist übrigens das manchmal herangezogene Ideal von kugel- bzw. kreisförmigen Räumen bzw. Flächen nicht hilfreich, da wir hier Symmetrien gleich in mehreren räumlichen Achsen/ Dimensionen zu betrachten hätten.

Durch die Raummoden wird das Hörerlebnis außerordentlich abhängig davon, wo man sich im Raum als Hörer befindet. Der ideale Hörplatz liegt weder in unmittelbarer Wandnähe noch in der Mitte des Raumes. Es kann zusätzlich hilfreich sein, die Positionen der Lautsprecher zu verändern, d.h. ihre Entfernung von der rückseitigen Wand zu vergrößern. Hier geht es darum, die Anregung der Raummoden abzuschwächen – sozusagen die jeweils erste Welle aus dem Lautsprecher mit der entsprechenden Wellenlänge nicht auf den direkten Weg zur stehenden Reflektion zu „schicken“. Wir fangen uns stattdessen allerdings andere Arten von Auslöschungs- und Verstärkungseffekten bei spezifischen Frequenzen ein. Zur Lautsprecherpositionierung kommen wir später noch einmal zusammenfassend.
Digital Signal Processor – macht das Beste daraus
Der gezielte Eingriff in den Signalweg zum Lautsprecher, also der Einsatz eines DSP im Bereich der Raummoden, ist eingeschränkt zweckmäßig. Wir haben gute – d.h. angenehme – Erfahrungen mit entsprechenden Filtern zur Klangoptimierung im Bereich unserer üblichen Hörplätze gemacht, wobei der Eingriff praktisch aus der Pegelabsenkung der überhöhten Frequenzbereiche besteht. Dabei bilden moderne digitale Filter – unter Einsatz sogenannter FIR-Filter – die Unregelmäßigkeiten im gemessenen Frequenzbereich ziemlich genau nach und passen das Signal zum Verstärker entsprechend an. Die Algorithmen dieser Filter sind weitaus komplexer als das, was wir unter dem Begriff „parametrischer Equalizer“ aus dem letzten Jahrhundert kennen, und – zumindest bei den heute im Markt verfügbaren Geräten für Home-Hifi – für den Anwender über die jeweilige Betriebsanleitung hinaus kaum nachvollziehbar. Wir wollen hier nicht zu tief in die Technologie einsteigen, die sich, getrieben von den Anwendungen in der professionellen Studio- und Konzertakustik, rasant entwickelt. Am Ende des Artikels findet Ihr ein paar Links und Quellen, bei denen Ihr Euch bei Interesse weiter vertiefen könnt.
Der Eingriff über ein DSP ist global, d.h., die gefundenen Einstellungen für den Lieblingsplatz – den sogenannten „Sweet Spot“ – sind nicht unbedingt die optimalen für andere Raumpositionen. Außerdem ist die Korrektur von starken Einbrüchen/ Auslöschungen durch Raummoden über einen DSP/ Equalizer praktisch nicht möglich – „0 x X = 0“, oder besser: Die zusätzliche Energie, die hier zur Pegelerhöhung nötig ist, übersteigt sehr schnell die technischen Grenzen der Anlagenausrüstung und die Grenzen des Erträglichen außerhalb des Sweet Spots.
Keine Raummoden sind auch keine Lösung
Ein naheliegender Aspekt der Behandlung von Raummoden ist die Reduzierung der Reflektion selbst, also die Verbesserung der Schallabsorption an den Wänden. Sofas, Bücherregale und dicke Teppiche helfen, freiliegende Fensterfronten und geflieste Böden eher nicht. Von „Bassfallen“ habt Ihr vielleicht auch schon gehört. Wir kommen auf dieses Thema später noch einmal zurück. Im Vorgriff darauf ist jedoch schon einmal zu konstatieren, dass die vollständige Schallabsorption in einem Wohnraum weder praktikabel noch wünschenswert ist, da der indirekte Schallanteil – also der Anteil des reflektierten Schalls bei der Wahrnehmung einer Schallquelle – elementar für unser Empfinden von Wohlklang und für unsere sinnliche Orientierung im Raum ist.
Kirche oder Studio
Damit wenden wir uns Deinem Einrichtungsstil zu. Man kann es dem Begriff „Nachhallzeit“ bereits entnehmen: Es geht darum, wie lange ein zeitlich begrenztes Schallereignis in einem Raum nachhallt. Der (theoretisch) schalltote Raum hat eine Nachhallzeit von 0 unabhängig von Frequenz und Lautstärke des primär ausgesendeten Schallereignisses in diesem Raum. Es gäbe keinerlei Schallreflektionen, und wir würden in diesem Raum ausschließlich Direktschall aus der Schallquelle wahrnehmen. In realen Umgebungen addieren sich zu unserer Wahrnehmung einer Schallquelle zum Direktschall immer mehr oder weniger ausgeprägte Reflektionen und Vibrationen – indirekte Schallanteile, die wir üblicherweise zwar der Schallquelle zuordnen, über die wir aber auch Informationen aufnehmen, die uns aus unseren lebenslang gesammelten Sinneserfahrungen heraus die Umgebung und räumliche Dimensionen erkennen lassen, selbst wenn wir diese nicht sehen.
Während wir bei den Raummoden ziemlich eng begrenzte, besondere Frequenzbereiche im unmittelbaren Zusammenhang mit der Raumgeometrie in den Griff bekommen wollen, wird die Nachhallzeit über das gesamte Frequenzspektrum unseres Hörens betrachtet. In der Raumakustik wird die Nachhallzeit gemessen, indem man ein zeitlich begrenztes Schallereignis im Raum per Mikrofon aufnimmt und anschließend die Zeit ausmisst, bis der Schallpegel auf einen definierten Wert gefallen ist. Für die praktische Nutzung hat sich dabei der Punkt durchgesetzt, an dem der Schallpegel pauschal um 60dB gefallen ist, die Schallenergie also auf ein Millionstel des Ausgangswertes gefallen ist. Diese Nachhallzeit „RT60“ ist ein in der Bauphysik verankerter Kennwert, der großen Einfluss auf die bauliche Ausführung von Gebäuden hat. Als Referenzsignal verwendet man zumeist Rauschsignale oberhalb von 150Hz – also Frequenzgemische oberhalb der üblicherweise zu erwartenden Raummoden. Damit lassen sich diese beiden Aspekte der Raumakustik halbwegs unabhängig voneinander bewerten. Die Verfahren sind in einschlägigen Normen beschrieben.
Die Nachhallzeit ist frequenzabhängig quasi per Naturgesetz, da die Schallenergie bei höheren Frequenzen in allen relevanten Medien einschließlich Luft schneller abgebaut wird als bei tieferen Frequenzen – das allerdings von Material zu Material unterschiedlich ausgeprägt. Je mehr Fläche im Raum angeboten wird, desto schneller wird Schallenergie abgebaut bzw. absorbiert, desto geringer wird die Nachhallzeit. Je größer die Raumabmessungen, desto länger die Nachhallzeit (in erster Näherung), weil Reflektions-/ Absorptionsflächen im Verhältnis zum Rauminhalt – also zur Menge an bewegter Luft – normalerweise unterproportional zunehmen. Zudem ist der Schall in großen Räumen auf seinen freien Wegen zwischen den Reflektionsflächen länger unterwegs ist – erste und zweite Reflektion an den Wänden setzen sich zeitlich deutlicher vom Direktschall ab bis hin zur Wahrnehmung von Echos. So hat der Kölner Dom eine Nachhallzeit RT60 von etwa 10s, wobei allein die erste Reflektion des Direktschalls an den Wänden unsere Ohren um einige Zehntelsekunden verzögert erreicht – für die Verständlichkeit eines Speed-Metal-Songs denkbar nachteilig.

Die „wünschenswerte“ Nachhallzeit als Raumcharakteristikum hat viel mit der Erwartung an das Befinden der Menschen zu tun, die in dem betreffenden Raum leben und/ oder arbeiten. In Aufnahmestudios liegt der Zielwert zwischen 0,15s und 0,3s, im Konzertsaal um die 2s. Für vollständig eingerichtete Wohnräume werden von den meisten Menschen 0,4s bis 0,5s als angenehm empfunden. Nach unserer Erfahrung ist das auch der Bereich, in dem man über längere Zeit bei gehobener Zimmerlautstärke Musik aus den unterschiedlichsten Aufnahmeprovenienzen anstrengungslos genießen kann. Ab ca. 0,5s wird der Nachhall zu einem differenzierbaren Bestandteil des Klangs, den manche Hörer sogar als angenehm empfinden, da er dem Original eine gewisse Live-Atmosphäre hinzufügt. Bei Nachhallzeiten ab 0,8s würden wir bei 3BE nicht mehr von einer authentischen Klangwiedergabe aus Lautsprecherboxen sprechen – unabhängig von der Qualität des eingesetzten Audio-Equipments.
Die Grenzen des DSP
Moderne Einrichtungsstile wie Industrial oder Minimal gehen häufig einher mit vielen unverkleideten, dichten und glatten Oberflächen wie Böden und Fensterfronten – sogenannten schallharten Flächen, sowie wenigen Einrichtungsgegenständen. Nachhallzeiten liegen oft deutlich über 0,8s. Teures Hifi-Equipment in solchen Räumen dürfte eher als Statussymbol denn zur Schaffung von Wohlklang taugen. Leider hilft der Einsatz von DSP in diesem Fall nicht. Es gibt zwar Klangprozessoren, die dem Originalsignal Färbungen geben wie „Open Air“, „Jazz Club“ oder „Church“. Dabei handelt es sich aber – neben dem frequenzabhängigen Eingriff in die Lautstärke – immer um die Hinzufügung von Nachhall. Die „Immunisierung“ des Originalsignals gegen den Nachhall in einem Raum gelingt so nicht.
Professionelle Tontechniker gehen zur Verbesserung der Sprachverständlichkeit einer Predigt im Kölner Dom oder der Klangqualität in großen Veranstaltungshallen und Stadien bei der Vermessung der Nachhallzeiten wesentlich detaillierter vor. Den Effekt der Nachhallzeit empfinden wir umso deutlicher, je weiter entfernt wir uns von der originalen Schallquelle befinden, da der Anteil des Direktschalls in der Gesamtwahrnehmung abnimmt. In der Beschallungstechnik werden dann spezielle Lautsprecheranlagen eingesetzt, die die Hörer überall im Raum mit einem möglichst hohen Anteil an Direktschall „versorgen“ und die Wahrnehmung des Nachhalls im Raum reduzieren. Auf unseren Wohnraum übertragen würde das bedeuten, sich möglichst nah an und zwischen die Lautsprecher zu setzen – da sind Kopfhörer doch eher zu empfehlen.
Keine Angst vor Akustikbau
Es verbleibt zur Reduzierung der Nachhallzeit in Wohnräumen nur die Vergrößerung der schallreflektierenden/ absorbierenden Flächen – hochflorige Teppiche, Sofas, Grünpflanzen, Bücherregale etc.. Dabei sollte man die akustische Betrachtung nicht nur auf die makroskopischen Formen der Einrichtung beschränken – der Effekt gepolsterter Sofas und Sessel beruht zu einem großen Teil auf der Absorption im voluminösen faserigen oder porigen Polstermaterial. Sogenannte Schallabsorber bestehen der Funktion nach aus offenporigen Schaumstoffen, die auftreffende Schallwellen auf ihrem Weg in das Materiallabyrinth (und zurück) buchstäblich verebben lassen. Sie sind als Bauelemente für den Trockenbau in vielfältigen Gestaltungsformen erhältlich. So ist es also durchaus möglich, eine augenschinlich glatte freie Wand durch geeignete Baustoffe und entsprechende Konstruktion akustisch wohnraumverträglich zu gestalten – übrigens auch für angenehme Gespräche ohne Musikbeschallung.
Über die (Un)Möglichkeit von Symmetrie
Stereopuristen bemühen oft die Forderung nicht nur nach dem perfekten Stereodreieck aus Hörplatz und den beiden Lautsprecherpositionen sondern auch nach der symmetrischen Ausrichtung zur Raumgeometrie und entsprechend symmetrischer Einrichtung des Raumes selbst. Hintergrund ist die Überlegung, dass sich auch die indirekten Schallanteile aus den Lautsprecherboxen möglichst spiegelgleich verhalten mögen, um die scheinbar räumlich verteilten Schallquellen zwischen den Lautsprechern, die sich aus einer geeigneten Stereoaufnahme heraushören lassen, möglichst „stabil“ verorten zu können.
Der Autor dieses Artikels kann aus eigener Erfahrung im heimischen Wohnzimmer berichten, dass solcherlei Ansinnen sowohl durch weniger Hifi-affine Lebenspartner als auch durch grundlegende Defizite im architektonischen Grundriss praktisch nicht umsetzbar sind. Gleichzeitig sei daran erinnert, dass räumliche Symmetrien in anderen Aspekten wie den Raummoden eher weniger hifreich sind. Stattdessen steht die rechte Box zu Hause unmittelbar neben der vollverglasten Terassenfront, während die linke Box mehr oder weniger in der Mitte des offenen Wohn-/ Essbereichs steht, beide Lautsprecher rückseitig relativ nah an der Wand, und das auch noch auf leicht unterschiedlichen Höhen.
Diese scheinbar katastrophale Situation zeitigt Effekte, die wir im folgenden – etwas unsauber – unter dem Oberbegriff „Kammfilter“ behandeln wollen. Dabei geht es in erster Linie um die Überlagerung des Direktschalls durch hinreichend lauten, reflektierten Schall – üblicherweise handelt es sich um die erste Reflektion an hinreichend großen und schallharten Flächen wie Fußböden oder, wie im Falle unseres Autors, die besagten Terassenfenster. Die Reflektion erreicht unser Ohr wenige Millisekunden nach dem Direktschall und führt bei höheren Frequenzen – beginnend mit dem für das menschliche Gehör und den Ortungssinn elementaren Mitteltonbereich – zu engmaschigen, wiederkehrenden Überhöhungen bzw. Einbrüchen des messbaren Schallpegels. Nach unserer Erfahrung sind die resultierenden Verfärbungen – eine einzelne Schallquelle betrachtet – eigentlich nicht so störend, wie es der Beschreibung nach scheint. Die Veränderung der Kammfilter mit der Hörposition im Raum – eine Veränderung der Sitzposition um wenige Zentimeter verändert die Messung signifikant – haben wir klanglich nur bei größter Aufmerksamkeit reproduzieren können. Wir führen das auf eine unbewusste Selbstverständlichkeit unserer Orientierung anhand des Klangs im Raum, in dem wir hören, zurück.
Komplizierter wird die Sache, wenn es an die besagte räumliche Darstellung in einem Stereo- oder Heimkino-Setup geht, denn nun haben wir weitere, andere Kammfiltereffekte aus dem zweiten Lautsprecher, der deshalb für uns auch „anders“ klingt als der erste, während wir die resultierende sogenannte Phantomschallquelle von den sichtbaren Lautsprechern gelöst im Raum „suchen“. Und wir haben uns durch den Umstand zweier Direktschallquellen sogar den Kammfiltereffekt im Direktschall eingefangen, wenn die Entfernungen/ Laufzeiten der beiden Lautsprecher zu unserer Hörposition nur wenige Zentimeter unterschiedlich sind. Der Griff zum Balanceregler kann das Problem leider nicht beheben. Auch das permanente Hin- und Herrücken der Lautsprecher und des Autors selbst sind bisher eher unbefriedigend verlaufen. Es schlägt noch einmal die Stunde moderner DSP.
Mit DSP die Zeit anhalten
Eine der größten Errungenschaften moderner DSP besteht in der Ergänzung des originalen Tonsignals um vielseitig anpassbare Zeitverzögerungen, „Delays“, sowohl hinsichtlich verschiedener Ausgabekanäle als auch jeweils differenziert nach Frequenzbereichen. Gemeinsam mit entsprechenden Anpassungen der Lautstärke lassen sich so bestehende Asymmetrien in den Gegebenheiten einer Mehrkanalwiedergabe virtuell gerade rücken. Bei Geräten mit integrierten Algorithem zur Lösung des Problems auf der Basis von vorgegebenen Messprogrammen ist selbst für Experten kaum zu erkennen, warum das Signal in welcher Form genau verändert wurde. Für High-End-Puristen oft eine unerträgliche Vorstellung.
Weitere Einflüsse der Raumakustik
Wandnahe Aufstellung
Der von den Lautsprechern bzw. den eingebauten Lautsprechertreibern abgestrahlte Schall breitet sich mehr oder weniger kugelförmig aus. Steht ein Lautsprecher unmittelbar vor oder neben einer Wand, ist die entsprechende erste Reflektion so energiereich und kurzfristig, dass wir sie insbesondere bei tieferen Frequenzen nicht vom Direktschall differenzieren können. Aus der Punktschallquelle wird quasi ein Flächenstrahler. Die Konsequenz für den Klang besteht in einem insgesamt zu tiefen Frequenzen hin höheren Schallpegel um den Preis der Ortbarkeit der Phantomschallquelle in einem Stereo-/ Mehrkanalsystem. Da sich die Laufzeit der Reflektion entlang der Wandfläche mit der Entfernung von den Lautsprechern ebenfalls verändert, verliert die Wiedergabe zudem an Impulstreue.
Bassfallen
Wohnraumtauglicher Akustikbau stößt an Grenzen, wenn es um die Eindämmung von Dröhnen und Hall im Bassbereich geht, weil entsprechende Konstruktionen mit schallabsorbierendem Material immer voluminöser werden, oder spezielle Konstruktionen mit Resonatoren schon sehr spezifische Planung und Einrichtung erfordern. Wir wollen hier nur kurz auf ein manchmal unterschätztes „Hausmittel“ hinweisen: Den Schrank. Ein Schrank muss nicht immer nur ärgerlicher Verursacher von Vibration und Geklapper sein, er kann sich auch als äußerst effektiver Bassabsorber erweisen, zumal er ja oft genug an der Wand steht oder sogar in der Raumecke. Wir denken dabei nicht unbedingt daran, das Schrankinnere mit Kleidung, Decken und Bettzeug vollzustopfen, um möglichst viel Absorbermaterial „unterzubringen“. Vielmehr bieten sich durch die Wände und Türen große Flächen zur (verlustbehafteten) Übertragung von Schallenergie in das Schrankinnere, in dem wiederum ein „eigenständiger“ weiterer Energieabbau stattfindet. Es kann sich also lohnen, lose, vielleicht störend klappernde Schrankinhalte und Teile wie Rückwände oder Türen lediglich „symptomatisch“ zu heilen, und sich ihr Resonanzverhalten schließlich sogar zur Klangverbesserung im Wohnraum zu Nutze zu machen.
Zusammenfassung
Der reale Wohnraum eines leidlichen Musikliebhabers/ einer leidlichen Musikliebhaberin ist das Armageddon für viele scheinbar spitzenklassige Labordaten und Testergebnisse seiner/ ihrer Hifi-Ausrüstung. Der Raum muss als bestimmende Voraussetzung für die Auswahl und Installation der Anlagenbausteine aufgefasst werden. Wenige, aber effektive Maßnahmen aus dem Bereich des Akustikbaus bei der Gestaltung und Einrichtung können auch scheinbar „tödliche“ Einrichtungsstile mit Wohlklang vereinbaren. Wenn insbesondere die Nachhallzeit auf diesem Wege „im Griff“ ist, werden die weiteren Aspekte der „richtigen“ Aufstellung von Lautsprechern und zur Gestaltung der Hörplätze davon bestimmt, wie intensiv und exklusiv man sich dem Hörerlebnis als Bestandteil im Alltag widmen will. Wir gehen in jedem Fall von der Auswahl exzellenter Lautsprecher hinsichtlich ihres Impulsverhaltens aus. Darüber hinaus sind wir bei 3be audio nach unseren Erfahrungen mit verschiedenen DSP zur Korrektur von raumakustischen Artefakten wie den hier geschilderten zu dem Schluss gekommen, solche Geräte in „sub-optimalen“ Hörräumen grundsätzlich hemmungslos und im konkreten Fall jeweils mit Bedacht einzusetzen.
(*) Wissenschaftliche Quellen und Referenzen
Heinrich Kuttruff: „Room Acoustics“
Floyd Toole: „Sound Reproduction“
Jens Blauert: „Spatial Hearing“
Leo Beranek & Tim Mellow: „Acoustics: Sound Fields and Transducers“
Trevor Cox & Peter D’Antonio: „Acoustic Absorbers and Diffusers“
Diagramme und Schaubilder erstellt mit KI-Unterstützung